Was ist eine Innovation? Begriffsverständnis und Ausprägungen

Definition von Innovation

Der Begriff „Innovation“ ist wohl einer der am häufigsten verwendeten Begriffe in Zusammenhang mit der digitalen Transformation? Doch was genau versteht man eigentlich unter dem Begriff „Innovation“? Was unterscheidet eine radikale von einer disruptiven Innovation? Welche Arten von Innovationen gibt es überhaupt?

Die erste Verwendung des Begriffs „Innovation“ geht wohl auf den österreichischen Ökonomen Schumpeter zurück. Innovativ ist für ihn, wenn ein Unternehmen bisher nicht bekannte Leistungen erstellt, Leistungen in einer höheren Qualität hervorbringt, neue Produktionsmethoden bzw. Organisationsformen verwendet, neue Absatzmärkte identifiziert oder neue Bezugsquellen für die benötigen Rohstoffe erschließt. Relevant ist für ihn ferner, dass eine Innovation sich in der Praxis durchsetzt und einen ökonomischen Nutzen erbringt. Damit lässt sich die Innovation auch von der Invention abgrenzen: liegt lediglich eine Neuerung vor, so handelt es sich um Invention, lässt sich die Neuerung zusätzlich wirtschaftlich verwerten, so handelt es sich um eine Innovation. Doch welche Arten von Innovation lassen sich unterscheiden?

 

Innovationsursache: Reaktiv vs. proaktiv

Richards unterscheidet zwei Auslöser für Innovationen: So kann eine Innovation einerseits aufgrund von Veränderung in der Umwelt ausgelöst werden. Die Innovation ist stellt damit eine Anpassung dar, ist also reaktiv. Andererseits kann eine Innovation aber auch durch einen Wunsch, einen Veränderungswillen oder ein Bedürfnis ausgelöst werden. In diesem Fall soll eine Innovation die aktuelle Situation verbessern, die Innovation ist also proaktiv ausgerichtet.

 

Innovationsobjekt: Leistungs-, Prozess-, Markt-, Sozial- oder Geschäftsmodellinnovation

Eine zweite Unterscheidungsdimension betrifft das zu innovierende Objekt. Innoviert ein Unternehmen seine Produkte oder seine Dienstleistungen, so spricht man von einer Leistungsinnovation. Dabei sind zwei Fälle denkbar: Ein Unternehmen kann entweder komplett neue Leistungen anbieten oder bestehende Leistungen verbessern (z. B. höhere Qualität der Produkte oder neue Produktfeatures). Bei der Prozessinnovation bezieht sich die Innovation auf die Erstellung von Leistungen, also auf den ablauforganisatorischen Aspekt. Im Fokus von Prozessinnovationen stehen zumeist die Variablen Qualität, Kosten und Geschwindigkeit. Werden durch eine Innovation bestehende Märkte entwickelt oder vollständig neue Märkte erschlossen, so spricht an von einer Marktinnovation. Denkbar ist z. B. dass ein Unternehmen für seine Produkte neue Anwender identifiziert und einen bestehenden Markt damit durchdringt oder das Produkt in neuen Regionen anbietet. Sozialinnovationen beziehen sich auf ökonomisch verwertbare Veränderungen im Hinblick auf den Personal-, Organisations- oder Rechtsbereich. So können z. B. die Einführung von agilen Projektmanagementmethoden oder die innovative Führungskonzepte Innovationen im organisatorischen Bereich darstellen. Bei einer Geschäftsmodellinnovation innoviert ein Unternehmen einzelne Elemente seines Geschäftsmodells, kombiniert die Elemente des Geschäftsmodells auf neue Art und Weise oder nutzt ein vollständig neues Geschäftsmodell. Ein Beispiel für eine Geschäftsmodellinnovation stellen Carsharing-Anbieter im Vergleich zu Automobilherstellern dar: Kunden müssen nicht mehr das Eigentum an Fahrzeugen erwerben, sondern sie temporär nutzen.

 

Innovationsgrad: Inkrementelle vs. radikale Innovationen

Reichwald und Piller systematisieren Innovationen in Abhängigkeit vom Neuigkeitsgrades des Marktes und der Technologie. Durch diese Einteilung ergeben sich damit vier Innovationsdimensionen.

 

Werden nur neue Märkte adressiert oder nur neue Technologien eingesetzt, dann spricht man von einer Marktinnovation oder einer Technischen Innovation. Werden weder neue Märkte adressiert noch neue Technologien verwendet, so liegt eine inkrementelle Innovation vor. Im Endeffekt handelt es sich bei inkrementalen Innovationen als um kleine, Verbesserungen bzw. Weiterentwicklungen an einem Produkt, einem Prozess oder des Geschäftsmodells. Eine radikale Innovation in der Definition von Reichwald und Piller beinhalten wesentliche Veränderungen oder Neuerungen wie z. B. der Mobilfunk.

 

Produktleistung: Evolutionär vs. disruptive Innovation

Eine weitere Unterscheidungsdimension geht auf Christensen zurück. Er referenziert bei seiner Einteilung auf die Leistung des Produktes und damit den Nutzen für den Kunden. Es geht als um die Wirkung. Damit stellt seine Unterscheidung in evolutionäre Innovationen (=sustaining innovation) und disruptive Innovation eine grundsätzlich andere Einteilung dar, als die Unterscheidung in inkrementellen und radikalen Innovationen. Für Christensen sind die meisten inkrementellen und radikalen Innovation lediglich evolutionäre Innovationen, welche auf eine bessere Produktleistung abzielen. Die Leistung des Produktes wird dabei immer aus der Sicht des Massenmarktes (mainstream customers) bewertet. Im Gegensatz dazu weisen disruptive zunächst eine geringe Produktleistung im Hinblick auf die Anforderungen des Massenmarktes auf. Allerdings weisen disruptive Innovationen Eigenschaften auf, die für eine kleine Gruppe von (neuen) Kunden eine hohe Bedeutung besitzen.

Dieser Sachverhalt kann am Beispiel des Elektrofahrzeugs im Gegensatz zu Fahrzeugen mit konventionellem Antrieb veranschaulicht werden: Fahrzeug mit konventionellem Benzin- oder Dieselantrieb wurde seit Ende des 20. Jahrhunderts kontinuierlich weiterentwickelt. Dabei wurden u. a. die Motorleistung erhöht, der Komfort für den Fahrer und die Mitreisenden erhöht und viele zusätzliche Produktfeatures eingeführt. Es handelt sich dabei um eine evolutionäre Innovation. Das Elektrofahrzeug ist eine disruptive Innovation dar, denn es weist hinsichtlich der Anforderungen des Massenmarktes grundsätzlich eine schlechtere Performance auf (z. B. geringere Reichweite, hoher Preis, …) (Zeitpunkt t0). Allerdings weist das Elektrofahrzeug für eine aktuell noch eher kleine Zielgruppe vollkommen neue Eigenschaften und einen dadurch höheren Nutzen auf (z. B. Umweltfreundlichkeit, Profilierung gegenüber anderen Menschen, …). Mit der Zeit steigt aber auch die Produktleistung des Elektrofahrzeuges, sodass es auch für den Massenmarkt tauglich wird (Zeitpunkt t1).

 

Offenheitsgrad: Closed vs. Open Innovation

Eine letzte in diesem kurzen Beitrag vorgestellte Dimension unterscheidet zwischen der Closed oder der Open Innovation. Bei der Closed Innovation setzt das Unternehmen für Suche und Verwertung von Innovationen auf das im Unternehmen verfügbare Knowhow. Das Unternehmen hat zwar dadurch die Kontrolle über alle Innovationsprozesse und auch die Verwertung, setzt sich aber auch einer Reihe von Nachteilen aus. So hängt die Innovationsleistung von dem im Unternehmen verfügbaren Knowhow ab, d. h. fehlende Expertise beschränkt die Innovationsleistung des Unternehmens. Auch fehlende zeitliche Ressourcen aufgrund einer Auslastung im Tagesgeschäft sowie eine oftmals vorhandene Fokussierung auf technische Aspekte bei gleichzeitig zu geringem Kundenfokus sind Nachteile des Closed Innovation-Paradigmas.

Das Open Innovation-Paradigma sieht die Unternehmensgrenzen dahingegen als unerheblich für die Generierung und Vermarktung von Innovationen an. Dabei werden in der Literatur drei Vorgehensweisen unterschieden:

  1. Outside-In-Prozesse, d. h. die Wissensbasis des eigenen Unternehmens wird durch die Integration von Externen erweitert und damit tendenziell die Innovationsbasis erhöht (z. B. Innovationswettbewerb oder Integration von Kunden und Lieferanten),
  2. Inside-Out-Prozesse, d. h. unternehmensinternes, operativ nicht genutztes Wissen wird außerhalb des Unternehmens verwertet (z. B. Lizenzgebühr für Patente),
  3. Coupled-Prozesse als Verbindung der beiden genannten Vorgehensweisen, d. h. Kombination der Internalisierung von externem mit der Externalisierung von internem Wissen.

 

Gemeinhin werden im Kontext von Open Innovation auf die Outside-In-Prozesse referenziert. Mögliche Umsetzungen sind neben den bereits genannten Innovationswettbewerben auch Toolkits für User Innovation, Virtual Communities oder Innovationsmarktplätze.

 

Quellennachweise:

Chesbrough, H. W. (2003): The Era of Open Innovation, in: MIT Sloan Management Review,, 44(3), S. 35–41.

Christensen, C. M. (1997): The Innovator’s Dilemma: When New Technologies Cause Great Firms to Fail, Boston 1997.

Faber, M. J. (2009): Open Innovation: Ansätze, Strategien und Geschäftsmodelle, Wiesbaden.

Hauschildt, J. (2004): Innovationsmanagement, München 2004.

Higgins, J./Wiese, G. C. (1996): Innovationsmanagement, Berlin, Heidelberg.

Piller, F. T./Reichwald, R. (2009): Wertschöpfungsprinzipien von Open Innovation: Information und Kommunikation in verteilten offenen Netzwerken, in: Zerfaß/Möslein (Hrsg.), Kommunikation als Erfolgsfaktor im Innovationsmanagement: Strategien im Zeitalter der Open Innovation, S. 105–120.

 

Bildnachweis:

suyujung/ Fotolia (Datei: #119657778)

 

 

Keine Kommentare

Einen Kommentar schreiben