Open Innovation – Integration von Externen in den Innovationsprozess (Teil 1)

Ganz kurz haben wir das Thema Open Innovation bereits in unserem Artikel zum Thema „Was ist Innovation?“ gestreift. In diesem Beitrag wollen wir uns etwas eingehender mit der Thematik befassen, uns mit unterschiedlichen Ansätze von Open Innovation auseinandersetzen und eine Reihe von Methoden im Kontext von Open Innovation vorstellen.

Open Innovation zielt, wie der Name bereits vermuten lässt, auf die Öffnung des Innovationsprozesses nach außen ab. Die Unternehmensgrenzen haben für die Innovation also nur noch eine untergeordnete Bedeutung. Die Ursachen für die Entscheidung zu Open Innovation können dabei vielfältig sein: eine hohe Auslastung im operativen Tagesgeschäft, unzureichendes Knowhow im Unternehmen zu spezifischen Themen oder sich schnell ändernde Kundenbedürfnisse. Eingebunden in den Innovationsprozess können z. B. Kunden, Lieferanten, Universitäten sowie Forschungseinrichtungen, aber auch Konkurrenten werden.

Häufig wird unter Open Innovation ausschließlich die Erweiterung der Wissensbasis des Unternehmens verstanden, indem Externe z. B. in die Produktentwicklung eingebunden werden. Dieser sog. Outside-In-Ansatz deckt aber nur einen Teil von Open Innovation ab: denn Open Innovation kann auch bedeuten, dass das in einem Unternehmen generierte, aber für das operative Geschäft nicht nutzbare Wissen außerhalb des Unternehmens verwertet wird. Ein Beispiel hierfür wäre der Verkauf von Lizenzen oder die Gründung eines Spin-Offs, um eigene, nicht mit der Unternehmensstrategie kompatible Ideen in eine eigene Gesellschaft auszulagern. Ziel dieser sog. Externalisierung von Wissen kann die Generierung zusätzlicher Einnahmen sein, die dem eigenen F&E-Budget zu Gute kommen. Dieses als Inside-Out bezeichnete Vorgehen kann auch mit dem zuvor beschriebenen Outside-In-Ansatz kombiniert werden: in diesem Fall bindet ein Unternehmen Externe in den Innovationsprozess ein und verwertet das dabei generierte Wissen zusammen mit den Partnern.

Wir wollen uns im Folgenden näher mit dem Outside-In-Ansatz, also der Integration von Externen in den Innovationsprozess, auseinandersetzen und konkrete Umsetzungsvarianten vorstellen.

 

Lead-User-Ansatz – der Open Innovation-Workshop mit fortgeschrittenen Nutzern

Eine erste Möglichkeit ist der Lead-User-Ansatz, bei dem ein Unternehmen ausgewählte Einzelpersonen in den Innovationsprozess einbindet. Dabei handelt es sich um Personen, die eine ausgesprochen hohe, vom Markt aktuell aber noch nicht erfüllte, Erwartungshaltung an Produkte oder Dienstleistungen haben. Die Lead-User haben also unbefriedigte Bedürfnisse, die sie zur Zusammenarbeit mit einem Unternehmen motivieren. Besonders wichtig ist beim Lead-User-Ansatz neben der genauen Festlegung des Projektziels und der Zusammenstellung eines Teams aus dem Unternehmen (Spezialisten zur Thematik, Moderatoren) auch die Auswahl der Lead-User. Hierzu kann zwischen zwei unterschiedlichen Vorgehensweisen gewählt werden:

  • Pyramiding: Bei dieser Suchmethode nutzt das Unternehmen soziale Netzwerke. Ausgehend von wenigen Startpersonen werden durch Empfehlungen Lead-User identifiziert und angesprochen. Dieses Vorgehen unterstellt, dass sich Anwender mit ähnlich hohem Wissen in einem Feld untereinander kennen. Der Suchprozess wird in iterativen Schritten durchgeführt, bis schlussendlich ausreichend Nutzer mit fundiertem Wissen gewonnen werden konnten.
  • Screening: Besteht nicht die Möglichkeit, Lead-User über Weiterempfehlungen zu gewinnen, so wird bei einer repräsentativen Stichprobe der Nutzer bzw. Kunden des Unternehmens eine Umfrage durchgeführt. Anwendung findet diese Methode insbesondere bei schwer überblickbaren Märkten oder wenn keine Startpersonen für das Pyramiding gefunden werden können.

Die konkrete Lösungsfindung mit den Lead-Usern erfolgt in einem Workshop. In der Regel werden solche Workshops mit rund 15 bis 18 Personen, darunter 8-10 Lead User, in zwei Tagen durchgeführt. Typischerweise gliedert sich ein Lead User Workshop in die Phasen:
  • Einführung (Vorstellung Unternehmen, Thema, Teilnehmer, …),
  • Aktivierung (Detaillierte Vorstellung Ziel, Dekomposition des Themas),
  • Bearbeitung (Arbeit in Kleingruppen an einzelnen Themen, Präsentation der Ergebnisse im Plenum, Verfeinerung der Ideen wiederum in Kleingruppen und erneute Präsentation),
  • Integration und Diskussion (Bewertung und Zusammenführung der einzelnen Ansätze in Lösungskonzept).
 

Entscheidend für den Erfolg eines Lead-User Workshops sind die Moderatoren, welche nicht nur eine ergebnisorientierte Moderation beherrschen, sondern auch über ein breites Repertoire an Methoden zur Ideenfindung und Ideenbewertung verfügen müssen.

Beispiele für durch Lead User erzeugte Innovationen sind u.a. das Mountainbike, die Nutzung von SMS für Service- bzw. Dienstleistungsangebote oder auch das car-sharing.

Eine Anmerkung an dieser Stelle in eigener Sache: Die Struktur eines Lead User Workshops ähnelt unserem WIND-Workshop. Dies ist aber nicht weiter verwunderlich, da auch unser Workshop-Format darauf ausgerichtet ist, externes Wissen für Innovationen (beim WIND-Workshop: Geschäftsmodellinnovation) zu nutzen. Allerdings sehen wir den Mehrwert in der Kombination von externem und internem Wissen, also sprich der Teilnahme und dem Wissensbeitrag auch von Mitarbeitern aus dem Unternehmen.

 

Virtual Communities – Vernetzung von Personen über das Netz

Eine zweite Umsetzungsmöglichkeit von Open Innovation sind Virtual Communities („virtuelle Gemeinschaften“). Die Grundüberlegung dieses Ansatzes ist, dass durch eine Vernetzung von Personen mit unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen Wissen generiert wird. Die Vernetzung der Personen erfolgt über eine Plattform, die Kommunikation findet ausschließlich virtuell, d. h. über Online-Medien statt. Dabei soll eine möglichst themenbezogene Interaktion in Gang kommen („Common-based Peer Production“). Virtual Communities in zwei unterschiedliche Varianten: Zum einen kann ein Unternehmen eine eigene Virtual Community aufbauen und diese an konkreten Aufgabenstellungen arbeiten lassen. Zum anderen besteht aber auch die Möglichkeit, bereits vorhandene Gemeinschaften zu beobachten, die Nachrichten bzw. Interaktionen zwischen den Mitgliedern der Community auszuwerten und auf Ideen für die eigene Produktentwicklung hin zu untersuchen. So kann z. B. ein Unternehmen ein eigenes Produktforum analysieren, auf dem sich Nutzer über Probleme mit den Produkten des Unternehmens austauschen oder ihrem Ärger Luft machen.

Wir hoffen, dass Ihnen der erste Teil unseres Beitrages zum Thema Open Innovation gefallen hat und Sie neue Erkenntnisse gewinnen konnten. Sie haben persönliche Erfahrungen mit den beiden angesprochenen Methoden gemacht? Dann hinterlassen Sie doch einen kurzen Kommentar zu Ihren Eindrücken und den Ergebnissen.

Im zweiten Teil unseres Beitrages setzen wir uns dann mit den Toolkits for User Innovation, Innovationswettbewerben und Innovationsmarktplätzen auseinander.

 

Quellennachweise:

Chesbrough, H. W.: The Era of Open Innovation, in: MIT Sloan Management Review, 2003b, 44(3), S. 35–41.

Enkel, E.: Chancen und Risiken von Open, in Zerfaß/Möslein (Hrsg.) [Kommunikation als Erfolgsfaktor im Innovationsmanagement 2009], S. 177–192.

Faber, M. J.: Open Innovation: Ansätze, Strategien und Geschäftsmodelle, Wiesbaden 2009.

Götte, S.: Open Innovation – Einbindung von Lead Usern in den Innovationsprozess, in Schoeneberg (Hrsg.) [Komplexitätsmanagement in Unternehmen 2014], S. 275–285.

Möslein, K. M./Neyer, A.-K.: Open Innovation. Grundlagen, Herausforderungen, in: Zerfaß/Möslein (Hrsg.) [Kommunikation als Erfolgsfaktor im Innovationsmanagement. Strategien im Zeitalter der Open Innovation 2009], S. 85–103.

Wagner, P./Piller, F.: Mit der Lead-User-Methode zum Innovationserfolg. URL: http://clicresearch.org/wp-content/uploads/2011/11/20_de_lead_user_handbuch.pdf, o. J.

 

Bildnachweis:

Tierney/ Fotolia (Datei: #119657778)

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